“Aus mir wird doch eh nix”

Ich möchte euch heute von einem Erlebnis berichten, das mich auch nach über zehn Jahren noch immer begleitet.

Während meines Studiums gab ich Nachhilfekurse im Münchner Norden. An einem Tag mühte ich mich, zum wiederholten Male an einer besonders „anspruchsvollen“ Gruppe von Drittklässlern ab, die sich redlich Mühe gaben, meinen Unterricht zu sabotieren.  

Der größte Störenfried war ein etwa neunjähriger Junge namens Cem. Immer wenn ich es geschafft hatte die Klasse zu beruhigen, ließ sich Cem einen neuen kreativen Streich einfallen… Und das Chaos begann von Neuem.

Irgendwann riss mir der Geduldsfaden – ich ging zu ihm und bat ihn mit mir in den Nebenraum zu gehen. Widerwillig, und auch etwas verängstigt, folgte er mir.

„Wieso verhältst du dich so?“, fragte ich ihn, als wir in dem Raum angekommen waren.

Er blickte genervt an mir vorbei und antwortete nicht.

„Wenn du so weitermachst, sehe ich schwarz für dieses Schuljahr.“

„Das macht doch eh keinen Unterschied“, murmelte er und sah mich immer noch nicht an.   

„Wie meinst du das?“

Dann sagte Cem etwas, das mich wahnsinnig wütend und zugleich sehr traurig machte.

„Meine Eltern sagen mir immer, dass ich sowieso zu dumm zum Lernen bin. Außerdem kommen Ausländerkinder sowieso nicht aufs Gymnasium oder auf die Realschule. Aus mir wird doch eh nix.”

Ich war kurz sprachlos.

„Wieso sagen deine Eltern das?“

Wieder langes Schweigen.

Ich musste mich kurz sammeln und sagte dann zu ihm:

„Weißt du was, Cem? Wir zeigen es deinen Eltern. Ich weiß, dass du schlau bist – und sie haben Unrecht.“

Ich redete noch einige Minuten mit ihm, bevor wir zurück zu den anderen Kindern gingen. Ich berichtete ihm von meinen Erfahrungen und erklärte ihm auch wieso ich überzeugt davon war, dass großes Potenzial in ihm schlummerte.

Ziemlich genau ein Jahr nach diesem Gespräch hielt Cem schließlich sein Übertrittszeugnis in der Hand. Dieses Zeugnis bescheinigte ihm die Gymnasialempfehlung.

Ich fand es schon damals bewegend und erschreckend zugleich, welche Auswirkungen meine Worte auf diesen Jungen hatten. Ich hatte mir nicht mal zehn Minuten Zeit genommen, doch diese wenigen Sätze genügten offensichtlich. Sie reichten aus, um diesem Jungen den Glauben an sich zurückzugeben

Dieses Erlebnis prägt mein Handeln und Denken bis heute. Es macht mir immer wieder deutlich welchen Einfluss jeder Einzelne von uns auf das Leben von anderen haben kann. Und auch wie wichtig die Glaubenssätze sind, mit denen wir aufwachsen.  

Lasst uns das nicht unterschätzen. Lasst uns Vorbilder sein.

by Annahita Esmailzadeh

(reposted with permission)

Share:

Leave a Reply

Your email address will not be published.